Keynote von Prof. Dr. Till-Sebastian Idel (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)

 

Abstract der Keynote

In der aktuellen Debatte um Qualitätsentwicklung in der Lehrer*innenbildung gilt Kohärenz als sinnstiftende Einheitsformel und normatives Postulat. Professionalisierungstheoretisch wird damit eine Lehrer*innenbildung „aus einem Guss“ imaginiert: ausbildungslogische Trennungen und Spaltungen zwischen den an der Professionalisierung beteiligten Disziplinen, Phasen sowie praktischen und theoretischen Studienanteilen sollen durch inter- und transdisziplinären Austausch und durch verschiedene soziale Aktivitäten eines „Schnittstellenmanagements“ zugunsten eines vollintegrierten Programms der Lehrer*innenbildung überwunden werden.

Mit dem Kohärenzpostulat wird die akademische Lehrer*innenbildung, die wesentlich auf dem Umgang mit Wissen als reflexivem Tun und auf Umgang mit der Differenz von disziplinären Wissensangeboten beruht, an eine Einheits- und Syntheseformel assimiliert, die wiederum einem Ideal einer einheitlichen praktischen Handlungskompetenz geschuldet ist, in der Wissen und Können in eins gesetzt werden (kritisch dazu Neuweg 2021). Diese ausbildungslogische Konstruktion verkennt die Differenz zwischen Ausbildungswissen und (praktischem) Professionswissen und führt scholastische Fehlschlüsse der Ausbildungsakteure und -programme mit sich: dass sich theoretische Wissensbestände in kohärentes Ausbildungswissen und dieses wiederum in handlungspraktisches Können übersetzen ließe (Neuweg 2014). Hier wird das Beobachtungswissen der Ausbilder*innen mit dem praktischen Erfahrungs- und Handlungswissen der Praktiker*innen verwechselt, das ein Wissen sui generis ist.

Ohne das Kind mit dem Bade ausschütten zu wollen, wird im Vortrag versucht, den Diskurs der Tagung in groben Umrissen in seinen thematischen Akzentsetzungen und Fragestellungen, aber auch Auslassungen und blinden Flecken Revue passieren zu lassen. Dann soll aus einer theoretischen Perspektive argumentiert werden, die Professionalität und Professionalisierung als spezifische Praxis der Differenzerzeugung und -bearbeitung versteht. Von dieser Warte aus gesehen, ist das Lehramtsstudium ein akademischer „Parcours“ (Kalthoff), in den eine Bildungspraxis eingebettet ist, die auf identitätsverunsichernden Irritationen und kognitiven Dezentrierungen in der Zumutung verschiedener Wissensformen und im Umgang mit unterschiedlichen epistemischen Praktiken beruht. Eine vorschnelle Schließung dieser Irritationen durch Kohärenzstiftung ist so gesehen eher problematisch. Aus differenztheoretischer Sicht auf Kohärenzherstellung ist es daher von Interesse, zu analysieren, wo die normative Orientierung am Kohärenzpostulat Differenzen allzu schnell einebnet und tilgt, wo sie die Sensibilität gegenüber differenten Fachkulturen, Wissensformen und Wissenspraktiken schärft und wo sie auch entsprechende Inkommensurabilitäten offenlegt. Eine solche Perspektive kann die programmatische Orientierung an Kohärenz theoretisch zurechtrücken, indem sie deutlich macht, dass Kohärenzstiftung immer auf einen konstruktiven Umgang mit Differenz bezogen bleiben muss.  

 

Vita

Till-Sebastian Idel studierte an der Universität Mainz die Fächer Pädagogik, Soziologie und Philosophie. Er wurde dort mit einer Arbeit über Prozesse biografischer Sozialisation an Waldorfschulen promoviert. Nach der Vertretung einer Professur für Schulpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg nahm er 2011 den Ruf auf eine Professur für Schultheorie und empirische Schulforschung an die Universität Bremen an. Seit 2020 ist er Professor für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Er war im Vorstand der Kommission Professionsforschung und Lehrer*innenbildung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft und ist Schatzmeister der DGfE-Sektion Schulpädagogik. Er argumentiert für strukturtheoretische Professionalisierungskonzepte einer reflexiven Lehrer*innenbildung und beschäftigt sich in einer qualitativ-rekonstruktiven Forschung mit schulischen Reform- und Veränderungsprozessen und damit zusammenhängenden Fragen der Professionsentwicklung.

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